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Auszüge aus Cissy Houstons Buch

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Sensible Kindheit
Sie war ein sehr glückliches Kind. Aber das änderte sich, als Nippy in die Schule kam. Ich vermute, es war zum Teil meine Schuld – ich zog ihr karierte Röcke und Wildlederschuhe an und band ihr die Haare zu Zöpfen,… Die anderen Mädchen trugen nur Jeans. Sie hielten Nippy für hochnäsig und begannen, sie zu schikanieren. (…) Manchmal frage ich mich, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn Nippy eine so dicke Haut gehabt hätte wie ich.

Whitneys Karriere wird geschmiedet
Ich arbeitete weiter mit Nippy an ihrer Stimme – mit all der Strenge, die ich für notwendig hielt, um sie auszubilden. (…) Ich erinnere mich noch, wie sie mich einmal anschrie: „Ich höre auf zu singen!“ Aber nicht mit mir. „Nein“, sagte ich. „Das Recht, wieder aufzugeben, hast du verspielt, als du mir gesagt hast, dass du ernsthaft Sängerin werden willst.“

Whitney ist ein Star  – die Probleme beginnen
Ihre Noten wurden schlechter, und sie sonderte sich immer mehr von John (ihrem Vater, Anm.) und mir ab. Sie liebte uns, aber sie wollte so selten wie möglich zu Hause sein, weil sie unsere Streitereien nicht ertrug. Später erzählte sie in einem Interview, sie hätte damals angefangen zu feiern – so nannte sie es. Ich hatte davon nicht die leiseste Ahnung. Aber Tatsache war, dass meine drei Kinder alle mit Alkohol und Drogen in Berührung kamen.

Bobby, Fehlgeburt und der Spagat zwischen Kind & Karriere
Niemand hatte Nippy also so richtig vom Hocker gerissen – aber dann kam Bobby. Mir fiel gleich auf, wie unterschiedlich er und Nippy waren. Ich denke nicht, dass er ein schlechter Mensch war, aber ganz offensichtlich hatten er und Nippy sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, seine Familie ähnelte unserer auch nicht besonders. Und schon damals geriet er andauernd in Schwierigkeiten. (…) Die Dreharbeiten zu Bodyguard hatten in Los Angeles begonnen,… Nippy war da schon schwanger, aber ein paar Wochen später hatte sie eine Fehlgeburt. „Mommy“, sagte sie, „ich brauche dich. Bitte komm.“ Ich flog sofort nach Florida…
Im Herbst 1992, nur ein paar Monate nach der Hochzeit, war Nippy wieder schwanger.(…) Nur vier Monate nach Krissis Geburt ging Nippy wieder auf Tour, diesmal, um den Soundtrack zu Bodyguard zu bewerben. Obwohl sie eine frischgebackene Mutter war, gab es keine Diskussion: Krissi kam mit auf Reisen. (…) Sie war jetzt 30 Jahre alt, hatte einen Ehemann, ein Baby und mehr Geld, als sie jemals würde ausgeben können. Sie sprach damals nicht mit mir darüber, aber ich erfuhr später, dass Nippy damals ernsthaft überlegte, ihre Karriere zu beenden. Sie war müde.

Bobby wird gewalttätig
Für einen Mann wie Bobby war es nicht leicht, „Mr. Whitney Houston“ zu sein. Nippy wusste das, und sie bemühte sich sehr, ihm das Gefühl zu geben, er wäre der Chef. (…) Dann ereignete sich im Sommer 1997 ein Vorfall, der Nippy verändern sollte. Sie waren auf einer Yacht im Mittelmeer, als Nippy sich am 21. Juli abends ­eine tiefe Platzwunde im Gesicht zuzog. Sie und Bobby schworen später, dass es nur ein dummer Unfall gewesen wäre, dass Bobby sich wegen irgendetwas aufgeregt und mit der Faust auf den Tisch geschlagen hätte. Angeblich zerbrach dabei ein Stück Geschirr, eine Scherbe flog Nippy ins Gesicht und hinterließ einen hässlichen, fünf Zentimeter langen Schnitt an ihrer Wange. Alle erkannten den Ernst der Lage.

Whitney im Drogenrausch
Im Januar 2000 – Nippy und Bobby waren auf Hawaii gewesen und wollten wieder abreisen – fand das Sicherheitspersonal am Flughafen Marihuana in ihrer Handtasche. Aber das war bloß der Anfang eines sehr schlechten Jahres für Nippy. Im Februar sollte sie bei der Oscarverleihung auftreten. Menschen, die dabei waren, meinten, sie hätte unter Drogen gestanden.
„Ich bin nicht abhängig!“ Sie flehte uns an, sie nicht in eine Entzugsklinik zu schicken. „Mommy“, sagte sie, „bitte lass nicht zu, dass sie mir das antun. Ich kann mich selber darum kümmern.“ Davon war ich nicht überzeugt, aber Nippy gab nicht auf. „Lass uns das zusammen angehen“, sagte sie. „Komm zu mir nach Hause und pass auf mich auf, und ich höre auf mit den Drogen. Ich verspreche es! Bitte, Mommy!“ Ich hatte gehofft, dass wir uns gemeinsam ihren Dämonen stellen könnten, aber ich hätte mich nie überreden lassen dürfen, die Intervention abzubrechen. (…) Eines Tages fuhr ich also hin – und ich war fassungslos, als Nippy die Tür öffnete. Sie war völlig zugedröhnt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich Nippy noch nie unter Drogen erlebt. Deswegen hatte ich ja auch immer so stur an der Überzeugung festgehalten, dass es nicht so schlimm um sie stand, wie andere behaupteten. (…) Als ich später versuchte, mit ihr zu reden, stritt sie alles ab. „Ich bin nicht abhängig“, sagte sie. „Ich bin eine erwachsene Frau. Ich kann für mich selber sorgen.“ An diesem Tag brach Nippy mir das Herz.

Ihre Mutter schreitet ein
„Nippy“, sagte ich, „ich habe hier eine gerichtliche Verfügung. Wir werden dir die Hilfe besorgen, die du brauchst, Schatz.“ Die Polizistinnen traten vor und nahmen sie an den Armen, Bobby schaute bloß zu. (…) Im Oktober 2006 reichte Nippy die Scheidung ein. Als sie mir davon erzählte, dankte ich Gott, wie wohl noch nie ein Mensch Gott gedankt hat. Ich war extrem erleichtert – und ich denke, Nippy auch.

Comeback, Absturz & das Ende am 11. Februar 2012
Es schien, als würde Nippy alles tun, was in ihrer Macht stand, um sich das Leben zurückzuerobern. Aber bei alldem lag eine Traurigkeit in ihren Augen. (…) Keine Stimme bleibt über 30 Jahre hinweg unverändert – selbst unter den besten Bedingungen nicht. Und Nippy hatte auch nicht immer für die besten Bedingungen gesorgt. (…) Nippys Stimme konnte den Anforderungen von so vielen Auftritten nicht gerecht werden,… es muss eine Tortur für sie gewesen sein. In dieser Zeit fing Nippy wohl wieder an, Drogen zu nehmen. (…) Und dann, am Samstag, dem 11. Februar 2012, bekam ich den furchtbaren Anruf von Gary (Whitneys Bruder, Anm.). Und das war das Ende des Lebens, wie ich es kannte.

 

„War es meine schuld?“
Ich weiß nicht – vielleicht war es zum Teil auch meine Schuld. Ich war in gewissen Punkten sehr kritisch. Vielleicht hatte sie Angst davor, mit mir zu sprechen – davor, dass ich sie anschnauzen würde. Ich wollte, dass sie stark war. In meinen dunkelsten Momenten zweifle ich daran, ob Nippy mich geliebt hat. Sie hat das zwar immer beteuert, aber auf der anderen Seite hat sie mich nur selten angerufen. Sie hat mich nie so oft besucht, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich vermisse sie so sehr. Jeden Tag hadere ich mit der Tatsache, dass ich sie in diesem Leben nicht noch einmal sehen werde. Aber ich glaube daran, dass der Tag kommen wird, an dem wir uns wieder treffen, und deswegen gebe ich nicht auf.