Oberammergau fiebert der Passion entgegen

Über hundertmal wird das Spiel vom Sterben Jesu Christi dann auf der riesigen Freilichtbühne des Passionstheaters aufgeführt. Wenn der Vorhang Anfang Oktober zum letzten Mal fällt, werden rund eine halbe Million Zuschauer, darunter viele aus den USA, erlebt haben, mit welcher Inbrunst das oberbayerische Dorf der Herrgottschnitzer Jesus ans Kreuz nagelt.

"Diese Figur ist eine Zumutung", sagt Spielleiter Christian Stückl über die Hauptrolle des Christus. Mayet wechselt sich darin mit dem studierten Psychologen Andreas Richter ab. Alle Hauptrollen sind doppelt besetzt. Wer bei der feierlichen Premiere spielt, entscheidet das Los. "Wir sind total im Plan", freut sich Mayet, der auch Pressesprecher der Passionsspiele ist. Für Stückl ist es nach 1990 und den Millenniumsspielen von 2000 "der dritte Passion" - die Einheimischen sagen nicht "die Passion", sondern "der Passion".

Der 48-Jährige hat sich noch jedes Mal etwas Neues einfallen lassen, um das Spektakel nicht nur zu einem finanziellen Erfolg für die Gemeinde am Alpenrand werden zu lassen. Erstmals wird Christus 2010 zu später Nachtstunde ans Kreuz geschlagen. Der Kettenraucher Stückl - im Hauptberuf Intendant am Münchner Volkstheater - verlegt den Höhepunkt seiner packenden Inszenierung in den späten Abend, um das Hereinbrechen der Nacht dramaturgisch nutzen zu können. Diesmal will er stärker herausarbeiten, "mit welcher Konsequenz Christus durchs Leben gegangen ist bis hin zu seiner Kreuzigung". Früher habe ihn dagegen das Revolutionäre an der Jesusfigur mehr gereizt.

Neu wird auch das Bühnenbild sein. Bäume an den Rändern der fast 70 Meter breiten Bühne sollen beim Zuschauer mehr Intimität herstellen. Zudem wurde der Fußboden mit leuchtend blauem Estrich überzogen - die Farbe findet sich an den Seitenwänden und in den Gassen der Hauptbühne wieder. Sehr viel bunter als in früheren Inszenierungen werden auch die zwölf "Lebenden Bilder" gehalten. Sie zeigen Darstellungen aus dem Alten Testament und passen sich in den Spielablauf ein.

Neben dem Schauspiel ist die Passion vor allem ein gigantisches wirtschaftliches Unternehmen. Die Gemeinde als Veranstalter braucht eine mindestens 85-prozentige Auslastung der rund 5.000 Sitzplätze, um den angepeilten Reingewinn von 28 Millionen Euro zu erzielen. Das Geld wird dringend benötigt. Freizeitbad, Skilifte oder Museen bescheren dem Ferienort ein jährliches Defizit von nahezu fünf Millionen Euro. Nur mit einer Bürgschaft des Freistaats Bayern über gut zehn Millionen Euro konnten die Investitionen für das Mammutspektakel in Höhe von 33 Millionen Euro gestemmt werden.

Die Weltwirtschaftskrise treibt den Marketingexperten denn auch Sorgenfalten ins Gesicht. Arrangements mit ein oder zwei Übernachtungen wurden storniert. Verkaufsleiter Werner Herrlinger spricht von "Rückläufen zwischen sechs und acht Prozent". Diese Karten sollen am 1. April in den freien Verkauf gehen, so dass die große Inlandsnachfrage doch noch zufriedengestellt werden könnte. "Unser Ziel ist eine hundertprozentige Auslastung des Theaters und unser Wunsch, dass jeder, der eine Eintrittskarte will, auch eine bekommt", erläutert Herrlinger. Das angestrebte Verhältnis von 70 Prozent Arrangements zu 30 Prozent Einzelkarten dürfte indessen nicht zu halten sein. Das Nachsehen haben die Hoteliers in und um Oberammergau, die ihre Betten nicht voll bekommen.

Die Erfolgsgeschichte der Oberammergauer Passionsspiele ist untrennbar mit der Pest im Dreißigjährigen Krieg verbunden. Nachdem der "Schwarze Tod" auch in dem oberbayerischen Gebirgsdorf zahlreiche Einwohner hinweggerafft hatte, gelobten etliche Bürger im Jahr 1633, alle zehn Jahre ein "Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus" aufzuführen, sollte die Pest keine weiteren Opfer fordern.

Tatsächlich starb der Überlieferung zufolge von da an kein Einheimischer mehr an der tödlichen Seuche. Zu Pfingsten 1634 erfüllten die Oberammergauer das Versprechen zum ersten Mal. Die Aufführung fand auf einer Bühne am Friedhof statt, die sie über den Gräbern der Pesttoten errichtet hatten. Seitdem führen die Bewohner des heute 5.000 Einwohner fassenden oberbayerischen Dorfs regelmäßig ihr Passionsspiel auf, das sich in der Neuzeit zu einem Spektakel mit weltweiter Beachtung und millionenschweren Einnahmen entwickelte.

1750 schuf der Ettaler Benediktinermönch Ferdinand Rosner eine Neufassung im Sinne des geistlichen Barocktheaters. 1860 überarbeitete Josef Alois Daisenberger den Text erneut mit einer dramatischen Zuspitzung des Passionsgeschehens. Im Jahr 1900 wurde der gesamte Zuschauerraum überdacht, es entstand das für die Spiele 2000 generalsanierte Passionsspielhaus im eigentlichen Sinne. Über 2.500 Aktive - jeder zweite Bewohner - wirken auf oder hinter der Bühne mit. Jeder, der mindestens 20 Jahre in Oberammergau lebt oder dort geboren wurde, hat Spielrecht.

INFO: http://www.passionsspiele2010.de

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