Bisphenol A in Schnullern löst sich im Speichel

Vertreter der Umweltorganisation appellierten an Hersteller, Handel und Behörden, den Missstand unverzüglich abzustellen. Andreas Lischka, Vorstand der Kinderklinik Glanzing, sieht angesichts der Ergebnisse ebenfalls dringenden Handlungsbedarf. Bereits vor zwei Wochen hat Helmut Burtscher von Global 2000 Details der von einem unabhängigen Labor durchgeführten Untersuchung präsentiert. Demnach fanden sich in allen von zehn getesteten Schnullern mehr oder weniger hohe Werte von BPA in den Schnullern. Die Hersteller hatten in Reaktionen mögliche Gesundheitsgefährdungen durch ihre Schnuller zurückgewiesen, zumal der Gesamtgehalt von BPA im Material keine Aussagen zulasse, inwieweit die Substanz aus dem Plastik austreten könne.

Dieses Argument sieht Burtscher durch die nun präsentierte Zusatzuntersuchung widerlegt. Dabei wurden sechs der Schnuller unter kontrollierten Bedingungen im Labor für eine Stunde in eine speichelähnliche Salzlösung gelegt und diese anschließend - als sogenanntes Eluat - auf den Gehalt an BPA analysiert.

Die Ergebnisse sind für Burtscher eindeutig, die Substanz findet sich nicht nur in den Schnullern selbst, sie geht auch in Lösung. "Dabei sind die Bedingungen im Labor eigentlich noch viel milder als in einem Babymund", so der Global-Chemiker. Ein Kind würde den Schnuller nicht nur in den Mund stecken, sondern auch noch mehr oder weniger heftig daran saugen und darauf herumkauen.

Wie schon in der vorigen Untersuchung stellte sich ein Schnuller namens "MAM" als der unbedenklichste heraus. Im Labor konnte nur für dieses eine Produkt kein BPA in der Lösung nachgewiesen werden, wobei die Nachweisgrenze bei 0,1 Mikrogramm pro Liter lag. Bei allen anderen Schnullern ging ein Teil der Substanz in Lösung, sie enthielt zwischen 0,18 und 9,57 Mikrogramm pro Liter.

Für die Experten überraschend war der Umstand, dass ein zuvoriges Auskochen des Schnullers - wie von den Herstellung vor der ersten Verwendung empfohlen - das Einwandern von BPA vom Schnuller in die künstliche Speichellösung merkbar erhöhte. "Ich vermute, dass durch das Kochen die Porosität des Materials verändert wird", so Burtscher.

BPA ist laut Global ein Stoff, der in das Hormonsystem von Menschen und Tieren eingreift und daher schon in geringsten Dosen schädliche Wirkungen haben kann. Laut Studien könnten derartige Hormonstörungen etwa zu verfrühter Geschlechtsreife bei Mädchen, einer Zunahme von Fettleibigkeit bei Erwachsenen und Jugendlichen, verringerter Fruchtbarkeit bei Männern und zu Krankheiten bis zu Krebs führen. Kinder seien dabei besonders gefährdet.

BPA ist ein Rohstoff für die Herstellung von Polycarbonat, einem häufig eingesetzten Kunststoff etwa in der Verpackungsindustrie, aber auch für Babyprodukte. Laut der Umweltorganisation beträgt der weltweite Verbrauch an BPA eine Million Tonnen pro Jahr.

Die Vertreter von Global 2000 fordern daher, Polycarbonat zuallererst für Kinderprodukte wie Spielzeug oder Sauger zu verbannen. Auch für Getränkeflaschen oder Lebensmittelverpackungen gebe es Alternativen. Lischka warnte davor, angesichts der Studienergebnisse "Grenzwertdiskussionen" vom Zaun zu brechen. Wir sollten Kinder "vor vermeidbarem Risiko schützen", die Prävention sollte Vorrang haben. Der Mediziner gilt als Pionier der Verbannung von PVC und den darin enthaltenen Weichmachern in Krankenhäusern, speziell auf Stationen für Frühgeborene.

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