Charlie Chaplins Gesamtwerk im Filmmuseum

"Der Film 'The Kid' hat gar keinen richtigen Inhalt", bemerkte Kurt Tucholsky einst in seiner Besprechung. "Aber Chaplins Herz hat einen, und zu diesem Herzen gehört der feinste Kopf unter den lebenden Filmdarstellern und der klügste unter den Schauspielern überhaupt. Dieses Herz ist bei den Unterdrückten, und es hat eine gefährliche Waffe: sein Gehirn." So schön ist die Kunst Chaplins wohl selten auf den Punkt gebracht worden, die Verbindung von Herz und Hirn, von Mitgefühl und politischem Gewissen, von Lebenserfahrung und Veränderungswillen. Es mag nicht verwundern, wenn Chaplin im Deutschland der 30er Jahre ebenso diffamiert wurde wie in den USA der 50er Jahre.

Charles Spencer Chaplin wurde ins Schaugewerbe geboren, 1889 in London. Seine Eltern traten in der Music Hall auf, der kleine Charlie bald mit ihnen. Seine erste Berufung und auch die Basis seiner Kinokunst ist die Pantomime. Bei einer seiner Touren durch die USA entdeckte ihn Mack Sennett und warb ihn für seine Produktionsfirma Keystone ab. Ab Jänner 1914 war Chaplin im Filmgeschäft, nach einem Jahr bei Keystone vervielfachte er seine Gage durch den Weggang zu Essanay (1915) und errang schließlich durch einen noch großzügigeren Vertrag bei Mutual (1916/17) fast absolute Autonomie.

In den ersten fünf Jahren seines Schaffens inszenierte Chaplin rund 60 Filme, kurze Komödien, die ersten quasi im Wochentakt. Sieht man Chaplin-Filme von 1914, 1915, 1916 und 1917 hintereinander, kann man die Selbstfindung eines Genies erleben. "Trotz seiner beständigen, schwindelerregend ins Perfektionistische gesteigerten Virtuosität kennt Chaplins Schaffen keine eigentliche Zuspitzung", schreibt das Filmmuseum in seinem Programm. "Seine Kunst ist eher eine der Ausbreitung, der ziel- wie zweckfreien Entwicklung, der beständigen Neuerfindung der Dinge." Chaplin wurde zum König der Improvisation und zu einem der prononciertesten Künstler seiner Zeit.

Chaplin verstand es, das Komische mit dem Tragischen zu verschmelzen, und seine unverwechselbare Figur des Tramp in einer lächerlich engen Jacke und schlotternder Hose, mit der zu kleinen Melone und den riesigen ausgetragenen Schuhen wurde schnell in der ganzen Welt beliebt. "Nachdem schon 1917 ein Höhepunkt der global grassierenden 'Chaplinitis' erreicht schien, erklomm Chaplins Ruhm in den späten 20er und frühen 30er Jahren endgültig seinen Zenit", so das Filmmuseum. "Wo immer er hinkam, wurde er von Menschenmassen begrüßt (so auch 1931 in Wien, wo er zum ersten Mal vor einer Tonfilmkamera sprach)."

"Ich brauche keine Bücher zu lesen, um zu wissen, dass das Grundthema unseres Lebens Konflikt und Leid ist", schrieb Chaplin einst selbst in seiner Autobiografie. "Rein instinktiv entspringen alle meine Clownerien dieser Erkenntnis." Je politischer Chaplin mit der Zeit wurde ("The Great Dictator", "A King in New York"), desto schneller schwand seine Popularität. 1952 wurde er von McCarthy aus den USA vertrieben, er ließ sich in der Schweiz nieder, wo er - nach zahlreichen späten Würdigungen und der Erhebung in den Adelsstand durch Königin Elizabeth - am 25. Dezember 1977 verstarb. Im Filmmuseum kann das cineastische Leben - ob stumm oder mit Ton - von Charles Chaplin von 2. Dezember bis 7. Jänner nachempfunden werden. Ein perfekter Jahresausklang.

INFO: http://www.filmmuseum.at

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