18. Jänner 2013 15:17

Pola Kinski 

'Mein Vater hat sich einfach genommen was er wollte'

Zerstört. Sie war fünf Jahre alt, als ihr Vater Klaus Kinski sie zum ersten Mal missbrauchte. Jetzt hat Pola Kinski ihr jahrelanges Leid in ihrem Buch „Kindermund“ verarbeitet.

'Mein Vater  hat sich einfach genommen  was er wollte'

Sie hat Unaussprechliches erlebt. Im Alter von nur fünf Jahren wurde Pola Kinski, die älteste Tochter von „Enfant terrible“ Klaus Kinski, das erste Mal von ihrem Vater sexuell missbraucht. Ihr Leid dauerte 14 nicht enden wollende Jahre lang. Aber nun, im Alter von 60 Jahren gelang Pola Kinski endlich der lang ersehnte Befreiungsschlag. In ihrem Buch Kindermund hat sich die Schauspielerin das Erlebte von der Seele geschrieben. Auf 267 Seiten schildert sie schonungslos eine Kindheit und Jugend zwischen Ekel, Angst und Einkaufstouren. „Mein Vater hat eigentlich alle Menschen missbraucht“, erinnert sich Pola Kinski im großen stern-Interview an ihren berühmten Vater, der 1991 im Alter von 65 Jahren an Herzversagen verstorben ist. „Er hat ja andere Menschen nie respektiert. Weder ihre Meinungen noch ihre Ideen.“
Später Zusammenhalt. Auch wenn der Kontakt zu ihren Halbgeschwistern Nastassja und Nikolai bereits vor Jahrzehnten abgebrochen ist, stehen die beiden ihrer Schwester (zumindest via Medien) zur Seite. In einem Bild-Interview sagt die um neun Jahre jüngere Nastassja, die aus der zweiten Ehe Kinskis mit Ruth Brigitte Tocki stammt: „Meine Schwester ist eine Heldin. Denn sie hat ihr Herz, ihre Seele und damit auch ihre Zukunft von der Last des Geheimnisses befreit.“ Und auch ihr Bruder Nikolai, der aus der dritten Ehe des Schauspielers stammt, lässt via Medien ausrichten: „Ich schäme mich für ihn. Ich bin zutiefst schockiert und am Boden zerstört über die Offenbarung ihres Missbrauchs durch unseren Vater. Ich wünschte, ich könnte ihn noch mit den Vorwürfen konfrontieren.“
Berührendes Interview. Pola Kinski gewährte dem stern einen Einblick in ihre Seele. Hier die besten Passagen:

 

Frau Kinski, was empfinden Sie, wenn man Ihnen sagt, dass Sie die Augen Ihres Vaters haben?
Pola Kinski:
Ich möchte nicht seine Augen haben. Er schoss mit seinen Augen Pfeile in die Welt. Aber egal, wie er mich ansah, zärtlich, zornig, flehend, befehlend, weinerlich oder kalt – ich möchte seinen Blick nicht.
Ihr Vater Klaus Kinski hat Sie 14 Jahre lang sexuell missbraucht. Er begann damit, Sie unziemlich zu berühren, als Sie fünf waren, und vergewaltigte Sie zum letzten Mal, als

Sie 19 waren. Nun veröffentlichen Sie ein Buch darüber. Wie war es, dieses Buch zu schreiben?
KInski:
Hart. Erst habe ich lange geschwiegen. Weil er mir verboten hatte, darüber zu sprechen. Das Infame war, dass er einerseits sagte, das sei ganz natürlich. Überall auf der Welt würden Väter das mit ihren Töchtern machen. Nur in diesem spießigen Deutschland sei das nicht normal. Da ich seine Zuwendung so nötig gebraucht habe wie die Luft zum Atmen, habe ich das in Kauf genommen. Gleichzeitig hat er aber gesagt, du darfst niemals mit irgendjemandem darüber reden. Und er hat es so eindringlich gesagt, sonst komme er ins Gefängnis, und mich dabei so angestarrt, mich so an den Schultern gepackt. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mit jemandem zu sprechen. Außerdem: Ich habe es jedes Mal schnell wieder vergessen. Verdrängt.

Wie konnten Sie das ausblenden?
Kinski:
Das habe ich nicht bewusst gemacht. Das war einfach nicht da. Es war zwar immer so ein Gefühl, wenn ich zu ihm nach Rom fuhr oder nach Madrid. Oder wenn er mich abholte. Ein Gefühl von Angst. Aber mir war nicht bewusst, was das genau ist. Ich habe mir nicht überlegt: Oh, jetzt musst du wieder mit dem ins Bett. Darüber habe ich nicht nachgedacht.

Warum brauchten Sie seine Zuneigung so sehr?
Kinski:
Weil ich mich von meiner Mutter nicht geliebt fühlte. Nach der Trennung von meinem Vater hatte meine Mutter wieder geheiratet. Ich fühlte mich störend.

Erinnern Sie sich an eine Zeit, wo das Verhältnis zu Ihrem Vater noch nicht durch Missbrauch und Vergewaltigung geprägt war? Wo es einfach nur schön war mit ihm?
Kinski:
Nein. Ich weiß nicht, ob es von Anfang an durch Missbrauch geprägt war. Jedenfalls nicht durch sexuellen Missbrauch. Missbraucht hat er eigentlich alle Menschen. Er hat ja andere Menschen nie respektiert. Weder ihre Meinungen noch ihre Ideen. Entspannt war es nie mit meinem Vater. Auch nicht die ersten Jahre. Es war immer ein Gefühl von Angst. Was passiert gleich? Brüllt er jetzt den Taxilenker an? Schleudert er jetzt im Restaurant wieder das Besteck in den nächsten Teller?

Sie waren damals 19. Er schickte Sie los, um Kondome zu kaufen, für Ihre eigene Vergewaltigung.
Kinski:
Danach bin ich Hals über Kopf weggefahren, bin bei meiner Mutter im Chiemgau zusammengebrochen, habe ihr alles erzählt. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie der Zustand war, als ich bei meiner Mutter ankam. Direkt vor mir tat sich ein Abgrund auf. Ich hatte das Gefühl, ich sterbe jede Sekunde. (...) Ich habe alles meiner Mutter und meinem Stiefvater erzählt. Später habe ich es mithilfe anderer verarbeitet. Habe die Zusammenhänge gelernt. (...)

Erinnern Sie sich an den Moment, als er das erste Mal übergriffig wurde? Wo Ihnen zum ersten Mal irgendetwas komisch vorkam?
KInski:
Das kam mir nicht nur komisch vor, das war sofort massiv. Ich glaube, dass er schon vorher übergriffig war, weil er mich immer mit offenem Mund geküsst hat. Das war mir widerlich. Er hat mich auch immer so umarmt. An sich gedrückt. Auf eine Art, die mir unangenehm war. Richtig greifbar wurde es dann im Hotel „Vier Jahreszeiten“. Er holte mich aus dem Schwimmbad. Das war dann massiv.

Das war das erste Mal, dass er Sie vergewaltigte. Sie waren damals neun und trugen Ihr Kommunionkleid.
Kinski:
Die Idee mit dem Kommunionkleid kam nicht von ihm. Das war einfach mein schönstes Kleid. Deshalb hatte ich das an. Nur war es für mich schon entscheidend, was meine Schuldgefühle betrifft. Weil ich katholisch erzogen worden bin. Deshalb habe ich das Kleid dann später auch zerstört.

Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?
Kinski:
Telefoniert habe ich ja oft mit ihm. Er wollte mich ja abholen lassen mit dem Chauffeur. Alles, nachdem ich ihm geschrieben habe, ich werde nie wieder auf diese Weise mit ihm verkehren. Dann hat er mich noch einmal in die Wohnung einer Freundin gelockt. Da hat er gesagt: „T-Shirt hoch!“ Und ich habe das gemacht. Wie ferngesteuert. Dann habe ich aber gemerkt: Oh, nein. Und ich habe ein Taxi bestellt. Da war ich 20.  

Welches Gefühl dominiert, wenn Sie heute an Ihren Vater denken?
Kinski:
Gar kein Gefühl. Eigentlich nur Abscheu und Leere. Und ich habe noch etwas zu meinen Augen zu sagen: Ich habe nicht genau seine Augen. Ich habe vielleicht etwas von seinen Augen. Aber ich schaue nicht wie er. Ich habe etwas Melancholisches im Blick. Seine Augen erinnern mich an Metall.

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Kindermund. Pola Kinski, die erste Tochter von Klaus Kinski, bricht ihr Schweigen
(Insel Verlag, 19,95 Euro).





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