15. Februar 2013 14:50

Aufreger 

Haben Sie noch etwas zu lachen Frau Böhm?

Menschen für Menschen-Chefin Almaz Böhm geriet in den letzten Wochen schwer unter Beschuss. Das große Interview zu den harten Vorwürfen.

Haben Sie noch etwas zu lachen Frau Böhm?
© Inge Prader

Ich bin fassunglos“, schüttelt Almaz Böhm (48) den Kopf, während sie noch einmal die Bild-Zeitung vom 7. Februar in Händen hält. Der ehemalige Unterstützer der von Schauspiellegende Karlheinz Böhm 1981 gegründeten deutschen „Menschen für Menschen“-Stiftung, Jürgen Wagentrotz erhebt darin heftige Vorwürfe gegen die  gebürtige Äthiopierin. Almaz Böhm, die 2008 sämtliche Funktionen ihres heute 84-jährigen Ehemannes übernahm, würde mit den Spendengeldern nicht seriös umgehen, sich privat bereichern – und: sich nicht gut um ihren Mann kümmern. Der Skandal  kocht hoch. Langjährige Mitglieder wie Autorin und Böhm-Vertraute Beate Wedekind haben ihre Mitgliedschaft vorerst ruhend gelegt. „Die Machenschaften bei Menschen für Menschen sind ein Fall für den Staatsanwalt“, schreibt der zurzeit auf Urlaub befindliche Jürgen Wagentrotz. In MADONNA nimmt Almaz Böhm nun Stellung zu den harten Anschuldigungen.

Frau Böhm, noch nie standen Sie unter derartigem Beschuss – wie geht es Ihnen derzeit?
Almaz Böhm:
Den Umständen entsprechend. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir alles klären können und ich meine Kräfte weiterhin für die wichtige Arbeit in Äthiopien einsetzen werde.

Kürzlich titelte die BILD Zeitung: „Karlheinz Böhm – wird sein Lebenswerk zerstört?“ Was ging Ihnen beim Lesen dieser Headline durch den Kopf?
Böhm:
Natürlich war das eine sehr schmerzhafte Schlagzeile, die mich sehr getroffen hat. Vor allem weil sich mein Mann und ich immer mit voller Kraft und Leidenschaft dafür eingesetzt haben, um die Lebensumstände der Menschen in Äthiopien zu verbessern. Deshalb treffen mich solche Vorwürfe tief im Herzen.

Wussten Sie schon länger, dass derlei Anschuldigungen via Medien kommen könnten?
Böhm:
Schon im letzten Sommer waren Anschuldigungen von Seiten Herrn Wagentrotz Thema. Wir dachten, wir konnten damals alle Unklarheiten beseitigen. Dass er das jetzt so öffentlich, noch dazu auf sehr persönlichem Niveau macht, hat mich doch sehr überrascht – und macht mich umso mehr betroffen.

Die Anschuldigungen sind sehr heftig: beispielsweise kritisiert Herr Wagentrotz den Bau eines – seiner Ansicht nach – überdimensionalen Bürohauses.  
Böhm:
Dieses Bürohaus ist weder zu groß, noch wurde dafür schon Geld investiert. Das Haus ist erst in der Planungsphase. Was wir wissen, ist dass wir ein Logistikcenter brauchen. Wir haben allein in Addis Abeba 66 und im ganzen Land 750 Mitarbeiter, die dieses Haus als Umschlagplatz, für alle logistischen Belangen, benötigen. Die Leute sitzen seit Jahren in sehr engen, fast menschenunwürdigen Container-Büros. Deshalb haben wir uns nach einer Möglichkeit umgesehen, ein Büro-Gebäude zu errichten. Das Grundstück haben wir von der Regierung bekommen. Aber wie gesagt: wir planen erst.

Angeblich hätten Sie für sich ein Büro in der Größe des Büros der deutschen Bundeskanzlerin geplant...
Böhm:
Ich weiß nicht, wie groß das Büro der Kanzlerin ist. Fest steht, die Pläne sind schon mehrfach adaptiert und verkleinert worden, um wirklich zweckgerecht zu bauen.

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass Herr Wagentrotz gebeten worden sei, seine Millionenspenden nicht über die Bücher der MfM-Stiftung laufen zu lassen. Wieso wollte man das?
Böhm:
Das ist unzutreffend. Unsere Bücher werden geprüft. Wir haben natürlich unseren Anwalt beauftragt, die Angelegenheit juristisch zu überprüfen.  
Es stimmt also nicht, dass die Spendensummen nicht in den Büchern aufscheinen?
böhm: Die Prüfung ist im Laufen und ich will einer Stellungnahme diesbezüglich nicht vorgreifen.

Man fragt sich natürlich, wie kommt jemand, der „Menschen für Menschen“ so lange großzügig unterstützt hat, dazu, plötzlich derlei herbe Anschuldigungen zu erheben.
Böhm:
Ich kann es mir auch nicht erklären. Es gab weder einen persönlichen Streit, noch einen mit unserer Organisation. Es ist nur bedauerlich, dass durch solche Vorwürfe, der eine oder andere  unserer Unterstützer vielleicht verunsichert wird.  

Spüren Sie eine Verunsicherung der Spender?
Böhm:
Ich bekomme immer noch so viele positive Mails und Briefe von Menschen, die auch bezeugen wollen, was wir in Äthiopien auf die Beine gestellt haben.  

Herr Wagentrotz meint, dass Sie die Arbeit der Organisation für den Bau einer privaten Villa und den Umbau einer Wohnung in Äthiopien missbraucht hätten. Er kritisiert auch, dass Sie Gehalt beziehen. Wieso beziehen Sie ein regelmäßiges Einkommen?
Böhm:
Ich habe seit 27 Jahren in der Organisation verschiedene Aufgabenbereiche. Seit 2008 bin ich zusätzlich als Geschäftsführerin vom Vorstand eingesetzt worden. 2009 hat der Vorstand beschlossen, dass   meine Leistungen als Zuständige für die Reise- und die Projektüberwachung in Äthiopien honoriert werden. Die Arbeit ist wirklich sehr umfangreich und ein sehr großer Aufwand.  Bis 2009 habe ich nichts bekommen. (Zu anderen Vorwürfen bezüglich privater Gelder oder ähnliches wollte Almaz Böhm nicht Stellung nehmen; Anmerkung der Redaktion).

Hatten Sie in den letzten Wochen Gelegenheit, mit Herrn  Wagentrotz persönlich über seine Vorwürfe zu sprechen?  
Böhm:
Nein, ich habe ihn zuletzt im Mai getroffen. Ich habe versucht im Sommer mit ihm Kontakt aufzunehmen, aber er hat ein persönliches Gespräch mit mir abgelehnt. Ich bedauere die ganze Angelegenheit sehr, weil ich Herrn Wagentrotz sehr dankbar dafür bin, wie er uns seit 2004 unterstützt hat. Umso betroffenere macht es mich, dass er uns jetzt diese Vorwürfe macht.

Auch Starkoch Eckhart Witzigmann und Autorin Beate Wedekind, die in einem sehr engen Verhältnis zu Ihnen und Ihrem Mann stand, haben sich abgewendet. Enttäuscht Sie das nicht menschlich?
Böhm:
Nein, ich respektiere es, dass sie, bis das alles geklärt ist, ihre Mitgliedschaft ruhen lassen wollen. Es gibt auch deshalb keinerlei Spannungen zwischen uns.

Die für Sie wohl schmerzlichste Aussage in der Causa ist, dass Sie Ihren Mann angeblich absichtlich abschotten. Wie gehen Sie mit diesem Vorwurf um?
Böhm:
Das tut wirklich sehr weh und verletzt mich sehr. Aber wie ich die Familiensituation derzeit bewältige, wissen eben nur ich und die nächsten Angehörigen. Mein Mann hatte 2007 einen sehr, sehr schwer Autounfall, unter dessen Folgen er als immerhin knapp 85-jähriger Mann immer noch schwer zu leiden hat.

Und er hat Ihnen das Versprechen abgerungen, dafür zu sorgen, dass ihn seine Fans und Bewunderer als gesunden, agilen Mann im Gedächtnis behalten können...
Böhm:
Ja, das war immer sein Wunsch – und dieses Versprechen, das ich ihm damals geben musste, halte ich auch.

Weiß Ihr Mann von den heftigen Vorwürfen?
Böhm:
Natürlich sprechen wir über alles, auch wenn er sich vom Tagesgeschäft ja schon lange zurückgezogen hat.

Die Anschuldigungen müssen Ihrem Mann doch ganz besonders zusetzen?
Böhm:
Natürlich schmerzt das sehr! Aber meinen Kampf gegen diese Vorwürfe und dafür, dass wir unsere Arbeit in Äthiopien ganz im Sinne meines Mannes weitermachen können, den muss ich jetzt gemeinsam mit unseren Vorständen führen. Die Erfolge der letzten 30 Jahre von „Menschen für Menschen“ und die viele Arbeit, die noch vor uns liegt, lassen mir gar keine andere Wahl und geben mir die nötige Kraft.





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1 Posting
Alexander Glück meint am 22.02.2013 11:01:58 ANTWORTEN >
Ich habe im Jahr 2009 mein kritisches Buch "Die verkaufte Verantwortung. Das stille Einvernehmen im Fundraising" (Essen: Verlag Stiftung & Sponsoring) veröffentlicht, in dem es um genau diese Dinge geht. Ich habe mit Frau Böhm Kontakt aufgenommen und sie wollte mein Buch gerne lesen. Daraufhin habe ich es ihr geschickt. Sie hat es wahrscheinlich gelesen, denn sie hat mir nicht mehr geantwortet. Ich hatte zuvor die sehr interessante Autobiographie von Frau Böhm durchgelesen und sie darin als einen außerordentlich warmherzigen, sympathischen, verantwortungsbewußten und liebevollen Menschen kennengelernt. Deshalb war es mir auch so wichtig, von dieser Frau eine Meinung zu meinem Buch zu hören.

Frau Böhm ist ganz und gar nicht der Typ des kalten zynischen Spendenveruntreuers. Wie meinen beiden kritischen Büchern zum Spendenwesen ("Der Spendenkomplex", "Die verkaufte Verantwortung") entnommen werden kann, sind diese Probleme systemimmanent. Ich bin davon überzeugt, daß Frau Böhm diese Immanenz nicht bewußt war und daß sie von möglichen Kritikfeldern selbst überrascht worden ist. Wenn sie mein Buch aufmerksamer gelesen hätte, dann hätte sie die jetzigen Probleme vermeiden können. Das gilt übrigens auch für den Großspender. Seit Jahren argumentiere ich für mehr Aufmerksamkeit und Eigenverantwortung seitens der Spender. Wenn man sich aus emotionalen Gründen mit irgendwelchen Zahlungen aus seinem schlechten Gewissen freikauft und vorher nicht genau hinsieht, dann wird man hinterher eben überrascht.

Alexander Glück, Publizist, Hollabrunn
Seiten: 1

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