23. July 2010 09:27
Burn-out
"Es steckt oft was anderes dahinter"
Psychisch krank! Hinter einem Burn-out steckt oft ganz was anderes.
© Getty Images
Menschen, die mit einem angeblichen Burn-out-Syndrom zum Arzt gehen, können
ganz andere Erkrankungen haben. Deshalb brauchen sie eine optimale
Betreuung, meinte Michael Krenn, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapeutische Medizin und Referent der Österreicher Ärztekammer. "Da
steckt oft was anderes dahinter." Denn: Ausgebrannt darf man noch sein,
psychisch krank jedoch nicht, sagte der Mediziner.
Richtige Diagnose
Wichtig sei eine gute Differenzialdiagnose
sowie eine Differenzierung nach den Maslach-Kriterien (Christina Maslach
gilt als Entdeckerin des Symptomkomplexes des Burn-outs, Anm.). "Viele
Menschen trauen sich nicht darüber reden, dass es ihnen schlecht geht",
sagte Krenn. "Die Leute gehen nicht zum Arzt." In der Stadt sei die
Situation noch besser als auf dem Land. "Die Psyche ist immer noch ein
Stiefkind", meinte Krenn. Es sei keine Schande, psychisch krank zu sein.
Seelische Erkrankungen
Laut WHO liegt die psychische Erkrankung
an vierter Stelle aller stationären Aufnahmen, so Krenn. Tendenz steigend.
In Österreich werden im Jahr nach groben Schätzungen zwischen 250 und 300
Millionen Euro für psychische Erkrankungen ausgegeben. Das stehe in einem
"krassen Verhältnis" zu den Gesamtausgaben von 26 Milliarden Euro. "Die
Region 'Seele Österreich' gehört gefördert", kritisierte Krenn. "Ansonsten
haben wir eine Zwei-Klassen-Medizin im Bereich der seelischen Erkrankung."
Krenn ist für eine Förderung der medizinisch-ärztlichen Psychotherapie und
der klinisch-psychologischen Behandlung.
Prävention wichtig
Die Prävention sei sicher wichtig, aber
viel zu wenig. "Wir hinken diesem Bereich so nach (...), da ist noch viel
aufzuholen", sagte der Mediziner. "Es braucht einfach mehr Geld", so Krenn.
"Sonst wird jede noch so gute Strategie zum Feigenblatt der
Gesundheitspolitik." Wenn man die Menschen frühzeitig "erwische", komme auch
wieder Geld zurück, meinte der Experte. Lange, für die Wirtschaft teure
Krankenstände blieben dann aus.
"Jeder Mensch will eine gute Arbeit bringen, aber in einem guten,
ausgewogenen Verhältnis", so Krenn. So kann es passieren, dass durchaus
Menschen mit Burn-out neben Menschen mit Bore-out (Unterforderung, der
Mensch hat das Gefühl, er könnte mehr leisten, Anm.) arbeiten, weil die
Aufgaben schlecht verteilt werden. "Im Verhältnis zum Burn-out spiegle das
Bore-out-Syndrom in Österreich eine kleinere Rolle, doch das Phänomen kennt
man schon länger."