01. Juli 2016 13:31
Ist es noch klug zu heiraten?
Hochzeit? Nein, Danke!
Die heile Welt vor dem Traualtar, die Scheidung als bitteres Ende. Ist es noch klug zu heiraten? Felicitas von Lovenberg sagt Nein.
Hochzeit? Nein, Danke!
© Getty

In romantischen Verfilmungen haben wir stets dasselbe Szenario vor Augen: Nach anfänglichen Schwierigkeiten findet sich das glückliche Paar endlich, es wird geheiratet, dann folgt der Abspann. Aber was kommt eigentlich danach? Allzu oft folgt ein bitterer Scheidungskrieg, die Liebe scheint niemals da gewesen zu sein. Die Autorin Felicitas von Lovenberg fragt sich daher: Ist es nicht klüger, einfach nicht zu heiraten? Die Buchautorin im MADONNA-Talk:

Frau von Lovenberg, Sie raten von der Ehe ab. Warum?
Felicitas von Lovenberg:
Ich warne eher, als dass ich abrate. Die Gefahr in der Ehe liegt oft darin, dass die Partner glauben, einander sicher zu haben, und sich darum weniger umeinander bemühen. Wer aber dauerhaft geliebt werden möchte, muss dafür eben selbst auch liebenswert sein.

Aus welchen Gründen wird heute geheiratet?
Von Lovenberg
: Die meisten Ehen werden heute aus tief romantischen Sehnsüchten und Bedürfnissen heraus geschlossen. Aber Verliebtheit hält nun einmal nicht ewig, und dann ist die Enttäuschung oft vorprogrammiert.

Welche Sicherheit bringt die Ehe überhaupt (noch) mit?
Von Lovenberg:
Sie wird in der Regel vor Zeugen geschlossen und mit einem Fest besiegelt. Darin zeigt sich ihr gesellschaftlicher Charakter. Der Umstand, dass der Bekanntenkreis es mitbekommt, wenn die Ehe schiefgeht, wirkt für viele abschreckend. Die Ehe schafft Stabilität – ob es um die Steuer geht, um die Versorgung von Kindern oder den Erbfall.

Ändert sich die Liebe mit dem Trauschein in der Hand?
Von Lovenberg:
Das ist natürlich individuell verschieden. Viele Paare erleben ihre Liebe zunächst stärker und fühlen sich in ihrer Zugehörigkeit zueinander bestärkt. Die Gefahr, die ich sehe, liegt darin, dass man es sich in der Ehe oft zu bequem macht, nach dem Motto: Jetzt hast du mich geheiratet, jetzt musst du mich auch nehmen, wie ich bin.

Wieso bemühe ich mich Ihres Erachtens nach ohne Ehe mehr um den Partner?
Von Lovenberg:
Weil mir der Partner viel leichter auskommen kann. Es droht keine langwierige Scheidung, sondern er kann einfach aufstehen und ­gehen. Das ist psychologisch schon ein Unterschied.

Was bedeutet die Ehe noch, wenn diese zum wiederholten Mal eingegangen wird?
Von Lovenberg
: Wie sagte William Somerset Maugham: „Heiraten ist eine wunderbare Sache, solange sie nicht zur Gewohnheit wird.“ Oder wie eine Schauspielerin es einmal ausdrückte: „Die Unterschiede zwischen Ehemännern sind so gering, dass man genauso gut den ersten behalten kann.“

Inwiefern ist Selbstverwirklichung in einer Ehe möglich?
Von Lovenberg:
Sie ist gut möglich, solange sie nicht nur einseitig, sondern im gegenseitigen Einvernehmen geschieht. Aber zu einer gelebten Liebe gehört eben auch der bewusste Verzicht auf manches, weil es den anderen stören, behindern oder verletzen würde.

Liebe und Ehe – kein harmonisches Paar?
Von Lovenberg:
Doch! Aber eben auch eines, dem auf Dauer oft das Geheimnis abhanden kommt, und damit die Neugier aufeinander.

Was macht eine ideale Beziehung aus?
Von Lovenberg:
Dass man sich emotional nicht in Sicherheit wiegt, sondern sich zum Wohle des Partners und der Beziehung und damit auch zu seinem eigenen Besten nach der Decke streckt. Während die Liebe in der Ehe meistens immer weniger gepflegt wird, geht es in der idealen Beziehung umgekehrt: Die Liebe wächst, weil man sich umeinander bemüht, sodass die Partner sich immer unentbehrlicher werden.

Viele wollen nicht heiraten, aber auf eine „Zeremonie“ auch nicht verzichten.
Von Lovenberg:
Wieso nicht? Solange man nicht erwartet, dass die Beziehung nur deswegen besser hält.

Wäre es gut, die Ehe weniger als ein „Für-immer-Konstrukt“ anzusehen und stattdessen als ein Zusammensein auf unbestimmte Zeit?
Von Lovenberg:
Es gibt Leute, die vorschlagen, dass man den Trauschein alle sieben Jahre erneuert, damit er seine Gültigkeit behält. Das klingt fortschrittlicher, als es ist. Aber wenn man sich bewusst ist, dass man auch nach der Hochzeit weiter umeinander werben sollte, könnte das viele Ehen glücklicher und damit langlebiger machen.


„Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?“ von Felicitas von Lovenberg, erschienen im Droemer Knaur Verlag, um 8,95 Euro. Das Buch ist weniger für Beziehungsmuffel gedacht, sondern vielmehr als eine Anleitung zum Glücklichsein zu verstehen. Am Beispiel von bekannten Liebespaaren wie Romeo und Julia oder Charles und Camilla zeigt sie, warum sich Liebe und Ehe so oft nicht mehr vertragen. Sie kommt zu dem Schluss, dass es auf jeden Fall klüger ist, nicht zu heiraten. Die Buchautorin wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.