Kein Tag wie der Andere

Uschi Fellner

© Inge Prader

Kein Tag wie der Andere

Was mich wirklich belastet, ist, dass ich meinen Geruch verloren habe. Über fünfzehn Jahre lang habe ich das gleiche Parfum benutzt, ein Duft, wie für mich gemacht. Ich will nicht übertreiben, aber wann immer ich den Duft trug, blähten Lebewesen jeder Kategorie und jedes Alters neben mir verzückt die Nüstern (also meiner Meinung nach war es Verzückung).  

Tausende Male habe ich den Satz „Mmm, du riechst so gut“ gehört, die ersten Worte meine Kinder waren nicht „Mama“, nicht „Papa“, nicht „Auto“, nein, sie sagten laut und deutlich „Mmm!“. Und dann schnüffelten sie.
Nun ist die Produktion des Duftes eingestellt worden. „Das geht nicht“, sagte ich zur Parfumerie-Fachkraft meines Vertrauens, „man kann mir nicht so einfach den Geruch nehmen!“ Sie seufzte und sagte „Leider“.

Durchwanderte daraufhin circa 20 Geschäfte auf der Suche nach Restbeständen, in der City, in den Außenbezirken, ich rief Läden in fremden Städten an, Verwandte in fernen Bundesländern, belästigte die 96-jährige Groß-Großnichte meiner verstorbenen Großmutter in Sydney, Australien, mit dem Effekt, dass mir ihr Enkelsohn, ein Anwalt, ausrichten ließ, man hätte immer schon gewusst, dass mit der österreichischen Verwandtschaft was nicht stimme.

Glauben Sie, es macht Spaß, arglose Drogerie-Besitzer in Wulkaprodersdorf oder Hinterleitstätten zu nötigen, auf Leitern zu steigen und Kartons mit Mottenkugeln aufzureißen, während die sich überlegen, wie sie die Irre im Lokal am schnellsten wieder loswerden?

Neuerdings laufe ich ziellos durch die Straßen.
Schnüffelnd. Wie Jean Baptiste Grenouille in Süsskinds Das Parfum. Vielleicht gibt es ja Leute mit Vorräten, jemanden, dem ich ein Fläschchen abkaufen könnte, „Tschuldigung“, würde ich flüstern, „Sie riechen so wie früher ich! Haben Sie noch ein Fläschchen, ich zahle gut!“

Und wenn die Person „Nein“ sagt? Nun. Grenouille hat das Objekt seiner duftenden Begierde nicht zimperlich behandelt. „Er roch sie ab von Kopf bis an die Zehen, blieb noch ein Weilchen neben ihr hocken, um sich zu
sammeln, denn er war übervoll mit ihr.“ Vielleicht bin ich gefährlich geworden. Hüten Sie sich. Ich will meinen Geruch wieder haben.

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