Kein Tag wie der Andere

Uschi Fellner:

© Inge Prader

Kein Tag wie der Andere

Grundsätzlich bin ich ehrlich, jemand von der Sorte, der sich 25 Jahre, nachdem er in einem Bonbonladen eine Gummimaus gestohlen hat, dort entschuldigen und sie mit Zinsen bezahlen würde (ich habe aber noch nie eine Gummimaus gestohlen).
Neulich war ich im Supermarkt, in einer Gegend, in die ich selten komme. Es war hektisch, ich nahm einen dieser Einkaufskörbe, die man nimmt, wenn man nur ein paar Kleinigkeiten braucht oder keinen Euro zur Hand hat. Ich räumte den Einkaufskorb rappelvoll, dies noch und das noch. Ich schleppte den Korb zur Kassa, es war drei Minuten nach Kassaschluss, die Kassierin machte nach mir dicht, ich hatte vergessen, einen Papiersack zu erwerben. Ich schleppte den Korb zum Auto und stellte ihn in den Kofferraum. Morgen bringe ich ihn zurück, dachte ich.
Daheim räumte ich den Korb aus. „Hast du einen Supermarkt-Korb gekauft?“, fragte das Kind. „Nein“, sagte ich, „ich hab ihn nur ausgeborgt, ich bringe ihn zurück.“ „Hast du ihn bezahlt?“, fragte das Kind. „Ausgeborgt“, sagte ich, „morgen bringe ich ihn zurück.“
„Wenn du ihn nicht bezahlt hast, hast du ihn gestohlen“, sagte das Kind. „Stiehlst du oft?“
Am nächsten Morgen trug ich den Korb zum Auto. Ich stellte ihn in den Kofferraum. Praktisch, so ein Einkaufskorb, dachte ich, man könnte den ganzen Kofferraum-Kram hineingeben. Dann tat ich den ganzen Kofferraum-Kram hinein. Nur mal für zwischendurch.
Ich habe ein schlechtes Gewissen. Dummerweise ist die Filiale, aus der ich den Korb geborgt habe, weit, weit weg. Täglich nehme ich mir vor, den Korb zurückzubringen. Bereits beim Aufwachen. Mein erster Gedanke: Korb zurück. Übrigens auch mein letzter vor dem Einschlafen.
 Wenn Polizei hinter mir fährt, werde ich nervös, ja fast hysterisch. Sollte man eine Führerschein-Kontrolle bei mir durchführen, würde ich sofort ungefragt beteuern, den Korb soeben zurückbringen zu wollen, „ich bin schon am Weg, Herr Inspektor“, würde ich mit zitternder Stimme hervorpressen, „bitte glauben Sie mir, ich bin an sich unbescholten.“  
Bald werde ich zu diesem Supermarkt fahren. Ganz bald. Vielleicht noch heute. Spätestens in 25 Jahren.

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