18. Jänner 2010 07:09
Haneke war dort im fünften Anlauf mit der Goldenen Palme für "Das
weiße Band" - mit Tukur in einer der Hauptrollen - und für seine
unbeirrte Filmarbeit in den vergangenen Jahrzehnten ausgezeichnet worden.
Es folgten drei Europäische Filmpreise für den 67-jährigen Künstler sowie
hymnische Kritiken beim Filmstart in den USA. Die Hollywood-Auslandspresse
hat "Das weiße Band" nun auch mit dem Golden Globe für den
besten nicht-englischsprachigen Film des vergangenen Jahres ausgezeichnet.
"Das weiße Band" ist der erste auf Deutsch gedrehte Film
Hanekes seit "Funny Games" 1997 und führte Haneke erstmals seit
langer Zeit in die Geschichte: Der Schwarz-Weiß-Film spielt in einem
norddeutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkrieges und zeigt autoritäre
Erziehungsstrukturen und Gewalt, die so von Generation zu Generation
weitergegeben wird. In Cannes sah Jury-Chefin Isabelle Huppert einen "außergewöhnlichen
Film", in den USA lobten Kritiker den Film als "hypnotisch und
verstörend" sowie als "besten Film, den Haneke je gemacht hat".
In mehreren Zeitungen stießen Stil und Erzählhaltung des Regisseurs sogar
auf Vergleiche mit Größen wie Ingmar Bergman oder Carl Theodor Dreyer.
Den Grundstock seines Erfolgs legte Haneke jedoch in Europa. Gleich mit
seinem Kinoerstling "Der siebente Kontinent" hatte er 1989 sein
Debüt in Cannes gegeben, damals noch in einer Parallel-Reihe. Die mit diesem
Film begonnene "Trilogie der emotionalen Vereisung", zu der auch "Benny's
Video" gehört, schloss er 1994 mit "71 Fragmente einer
Chronologie des Zufalls" ab. Zu diesem Zeitpunkt hatte der am 23. März
1942 in München Geborene und in Wiener Neustadt Aufgewachsene bereits seine
unverwechselbare filmische Sprache, die in Dramaturgie, Bildfindung und
Erzählweise stets Verweise auf das Ungesagte zu geben sucht, zur Perfektion
entwickelt.
Hanekes Gewaltschocker "Funny Games" war 1997 nach 35 Jahren der
erste österreichische Wettbewerbs-Beitrag bei den Filmfestspielen in Cannes
und zugleich der aufsehenerregendste und umstrittenste. "Code Inconnu"
(2000) mit Juliette Binoche startete ebenso im Wettbewerb von Cannes wie
2001 "Die Klavierspielerin" nach Elfriede Jelinek. Der Film
erhielt an der Croisette neben den beiden Darstellerpreisen für Isabelle
Huppert und Benoit Magimel auch den Grand Prix der Jury und wurde in der
Folge auch ein großer kommerzieller Erfolg. 2003 musste seine düstere
Zukunftsvision "Wolfzeit" nur deswegen außer Konkurrenz im
offiziellen Programm antreten, da der mitwirkende Patrice Chereau
Jury-Präsident war. 2005 gewann Haneke mit seinem Thriller "Cache"
(mit Daniel Auteuil und Juliette Binoche) in Cannes den Regiepreis und
anschließend zahlreiche weitere Auszeichnungen.
Nach einer langen Reihe von Filmen über gesellschaftliche Ängste, Bedrohung
der bürgerlichen Sicherheiten, Mechanismen der Gewalt und ihrer Darstellung,
Fragen nach Schuld und Macht und die kritische Hinterfragung des
Medienapparats wandte sich der Sohn der österreichischen Schauspielerin
Beatrix von Degenschild und des Düsseldorfer Regisseurs und Schauspielers
Fritz Haneke zwei ungewöhnlichen Projekten zu: In "Funny Games U.S"
(2006/07) wagte er einen One-to-One-Shot seines Thrillers mit amerikanischen
Schauspielern. Der Film floppte sowohl an den amerikanischen wie an den
europäischen Kinokassen. Danach ging er an die Realisierung des "Weißen
Bands".
Haneke, der sich neben dem Studium der Philosophie und Psychologie in Wien
zunächst als Autor versuchte und als Film- und Literaturkritiker arbeitete,
war 1967 bis 1971 Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk in
Baden-Baden. In dieser Zeit entstand sein erstes Drehbuch "Wochenende".
1973 entstand sein erster Fernsehfilm, "...und was kommt danach? (After
Liverpool)" nach einem Text von James Saunders. Es folgten TV-Streifen
wie "Sperrmüll" (1976), "Drei Wege zum See" (1976,
nach Ingeborg Bachmann), "Lemminge" (1979), "Wer war Edgar
Allan?" (1984, nach Peter Rosei), "Nachruf für einen Mörder"
(1991) und später die Kafka-Adaption "Das Schloss" (1996).
Anfang der 70er Jahre debütierte Haneke als Bühnenregisseur am Stadttheater
Baden-Baden mit "Ganze Tage in den Bäumen" von Marguerite
Duras. Es folgten Theater-Inszenierungen in Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt
am Main, Stuttgart, Hamburg, München und Wien. 2006 gab er exakt an Mozarts
250. Geburtstag an der Pariser Oper sein Debüt als Opernregisseur: Mit
seiner modernen Inszenierung von "Don Giovanni" spaltete er das
Publikum. Eine Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" war
ursprünglich für New York geplant, soll nun jedoch 2012 bei Gerard Mortier
in Madrid stattfinden.
Die Produzenten sehen diese Ausflüge in die Opernwelt nicht sehr gerne: Da
der Regisseur sich minuziös vorzubereiten pflegt, bedeutet dies eine
vielmonatige Verzögerung für weitere Filmprojekte. Doch für die Verzögerung
des nächsten Films, einem Projekt mit Isabelle Huppert und Jean-Louis
Trintignant über das Alter, ist ausnahmsweise nicht die Oper, sondern die
Promo-Tour für "Das weiße Band" und die verlängerte
Preissaison verantwortlich. Und diese könnte sich nach dem Golden Globe
durchaus noch ein bisschen verlängern, denn am 2. Februar werden die
Nominierungen für die Oscars bekanntgegeben.