23. November 2009 15:16
Dass Karl Lagerfeld über sein Privatleben redet, hat Seltenheitswert. Der
Anlass? In Passau wurde dem Mode- und Fotokünstler der „Menschen in Europa
Award“ für sein kreatives Lebenswerk überreicht. Im Rahmen der Verleihung
bat Bunte-Chefin Patrica Riekel den Kaiser vor hochkarätigen Gästen und
Medien (wie MADONNA) zur exklusiven Talkshow. Wir hörten und staunten...
Reden wir über die Stilikone Coco Chanel: Hätte die heute ein Handy?
Karl Lagerfeld: Es gibt viele Fotos von ihr am Telefon. Sie muss also sehr
viel telefoniert haben.
Sie hat auch viel geraucht. Wäre Coco Chanel zum Rauchen vor die Tür
gegangen?
Lagerfeld: Sicher nicht! Ich rauche nicht. Als ich 15 Jahre alt war, habe
ich geraucht, um erwachsen zu wirken. Da sagte meine Mutter, die
Kettenraucherin war: ,Du solltest nicht rauchen, Karl. Deine Hände sind
nicht besonders hübsch, und sie fallen wahnsinnig auf, wenn du rauchst.‘
(lacht). Meine Hände sind okay, aber es war eine wunderbare Art, einem
Jungen das Rauchen abzugewöhnen.
Warum tragen Sie dann Handschuhe?
Lagerfeld: Wir leben in einer nicht sauberen Welt. Wissen Sie, wir tragen ja
auch Schuhe, oder möchten Sie barfuß gehen?
Sie hatten eine sehr interessante Mutter.
Lagerfeld: Ja, das kann man so formulieren. Sie sagte einmal zu mir: ,Karl,
du bist sechs Jahre alt, aber ich nicht. Wenn du also mit mir sprechen
willst, dann gib’ dir Mühe.‘ Ein anderes Mal sagte sie: ,Bitte rede
schneller, für den Unsinn, den du redest, kann ich meine Zeit nicht in
Anspruch nehmen.‘ Aber keine Angst: Ich brauche keinen Psychiater, um
darüber hinwegzukommen. Ich finde, sie hatte recht. Als mein Vater starb,
hat sie mir das erst drei Wochen später erzählt. Sie sagte: ,Du magst ja
keine Beerdigungen. Deswegen wollte ich dich nicht stören.‘
Aber eines vergesse ich ihr nie: Als ich ein Junge war, hatte ich lange
Haare. Das muss Ende der 40er-Jahre gewesen sein. Eines Tages ging ich mit
meiner Mutter zum Zahnarzt und auf der Straße trafen wir meinen Lehrer,
einen dummen Mann. Er sagte zu meiner Mutter: ,Schneiden Sie Ihrem Sohn
endlich die Haare ab.‘ Sie nahm seine Krawatte, schmiss sie ihm ins Gesicht
und sagte: ,Wieso? Sind Sie noch Nazi?‘
Von Ihrer Mutter haben Sie auch einen gewissen Stil gelernt. Was ist
notwendig für ein stilvolles Leben?
Lagerfeld: Gewisse Mittel helfen natürlich, keine Frage (lacht).
Also man muss Geld haben?
Lagerfeld: Ja, aber bilden Sie sich nicht ein, dass es das Wichtigste ist!
Ich finde, eine gewisse Disziplin, Höflichkeit gegenüber den Menschen,
gehört auch dazu. Für mich sind Dinge, die schwer zu finden sind, Höhepunkt
des Luxus und Stils: Ich liebe antike Bettwäsche mit handgemachten
Stickereien, die waschmaschinenfeindlich sind.
In den eiskalten, total modernen Räumen, in denen ich lebe, hinterlassen
diese Dinge eine menschliche Note. Das ist für mich Stil und Luxus. Ich
schlafe wie aufgebahrt, weil man auch im Bett Stil beweisen muss. Auch wenn
ich alleine schlafe (lacht).
Man kann Sie selbst auch als stilisiertes, lebendes Standbild bezeichnen.
Lagerfeld: Ich habe mich nicht stilisiert! Ich bin ganz natürlich, der
Höhepunkt des Spontanen. Ich mache kein Drama aus mir selber. Ich kann über
mich lachen und stehe mir fast gleichgültig gegenüber.
Welche Einladungen nehmen Sie an?
Lagerfeld: Ich gehe doch nie aus! Ich bin Heimarbeiter, ich muss alles
selber machen – angefangen von meiner Kollektion bis hin zum Fotografieren.
Während ich etwas entwerfe, bin ich von außen nicht besonders zu
beeindrucken, um es höflich zu formulieren.
Ich interessiere mich nur für das, was ich mache. Man muss alleine sein, um
die Batterien aufzuladen. Ich will ja auch nicht alles von mir offenbaren;
ein bisschen Mysterium muss dabei sein. Die Idee ist meist stimulierender
als die Wirklichkeit. Wirklichkeiten sind banal.
Seit Jahren gilt Ihre Liebe der Fotografie. In Passau ist eine
Ausstellung mit Wald-Motiven von Ihnen zu sehen – ungewöhnlich für einen
Stadtmenschen wie Sie.
Lagerfeld: Ich bin ja vom Lande. So etwas vergisst man nicht, auch wenn es
weit zurückliegt. Ich habe mir in Vermont auf einer Insel ein Haus aus dem
Jahr 1840 gekauft, weil ich in Deutschland kein Haus haben wollte, konnte
oder sollte. Dort habe ich alles, was ich nicht verkaufen wollte, wie den
Schreibtisch, auf dem ich Schreiben gelernt habe.
Das heißt aber nicht, dass ich ein Romantiker bin! Und in Vermont mache ich
lange Spaziergänge durch die Natur. Von meinem Fenster aus.
Sie haben viele Topmodels fotografiert. Wen hatten Sie zuletzt vor der
Kamera?
Lagerfeld: Ich habe Claudia Schiffer in Argentinien als blonde Frida Kahlo
inszeniert. Claudia sieht ja heute besser aus als vor 20 Jahren. Obwohl sie
zwei Kinder bekommen hat. Ich weiß nicht, wie sie das macht. Sie braucht
keine Retouche. Es ist wohl ihr gesundes Leben: keine Drogen, kein Alkohol,
keine Zigaretten. Ich habe aber nichts gegen Leute, die rauchen und trinken.
Die sind viel amüsanter als so langweilige Leute wie Claudia und ich.
Die sprichwörtliche deutsche Disziplin?
Lagerfeld: Ich bin immer Deutscher geblieben. In Frankreich bin ich
Ausländer. Ich will überall Ausländer sein, nirgendwo dazugehören, aber
überall dabei. Ich halte mich aber für faul, bin nie mit mir zufrieden,
könnte viel mehr machen. Ich habe das Gefühl, da ist eine Glasscheibe
zwischen mir und dem, was ich möchte.